Ansichten und Einsichten

Karl Schaper

Für Eisen und Stahl

Öl auf Pressspan, 105 x 84 cm, 1951

 

Der chinesische Philosoph Konfuzius sagt in seinem Buch der Gespräche: „Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird nicht das, was gemeint ist.“ Bezogen auf die Bildende Kunst müßte es heißen: „Wenn die Formensprache nicht stimmt.“

Formensprache aber ist eines der wenigen Dinge, die man lernen kann. Darum soll diese abstrakte Arbeit zusammen mit einem Dank an meine Freunde und Lehrer der fünfziger Jahre am Anfang (...) stehen.

Karl Schaper

 

Niedersachsen Altar, Holz bemalt, verschiedene Materialien, 210 x 250 x 12 cm, 1971–1974, Sprengel Museum, Hannover

 

Karl Schaper hat ein Triptychon gemacht, nicht aus einem Guss. Aus unterschiedlichen Einzelbildern und Objekten hat er es zusammengestellt. Zu verschiedenen Zeiten sind diese Einzelteile entstanden. In seinem Niedersachsen Altar zeigt sich sein Objekt-Collage-Prinzip, das er immer wieder anwendet: Fundstücke, erinnerungsbelastete Bilder von früher, werden zusammengebracht, so dass ein Zusammenhang sich herstellt zwischen der Vergangenheit und den reflektierenden und kommentierenden Zutaten und Ergänzungen der Gegenwart.

Den Niedersachsen Altar bezeichnet Karl Schaper auch als so etwas wie ein Selbstbildnis. Nirgends in den einzelnen Kästen dieses teils plastischen Triptychons hat Karl Schaper sich selbst abgebildet, aber die Summe der Einzelteile ist ein genaues Bild dieses Karl Schaper geworden.

Der linke Seitenflügel: Ein Feld von holzgeschnitzten, bemalten Rüben. In Reih und Glied stehen sie da. Für Schaper ist die Rübe Symbolpflanze für das Niedersächsische schlechthin. Im Rübenland ist er geboren, und auch heute, um sein Apelnstedter Schulhaus herum: nur flaches Rübenland.

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An die Genossen in der CSSR, Holzbrief 83 x 77 x 12 cm,

Vorder- und Rückseite, 1972

An Ovid (epistula ex ponto), Holzbrief 54 x 76 x 12 cm, Vorder- und Rückseite, 1981. Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel

Angesichts der Gigantomanie unserer Zeit, der Monumentalität unserer Bauten sind diese Holzbriefe Schapers heimliche Liebeserklärungen an die Poesie, an die verborgenen, an die sich versteckenden Künste. Da wird mit drastischen Mitteln die Technokratie ironisiert, und man nimmt diese Werke als Möglichkeiten einer Korrespondenz mit der immer weniger verständlichen Welt. Karl Schapers Holzbriefe – das sind rustikale Objekte und lesenswerte Botschaften in der rastlosen und ratlosen Zeit, verfremdete Formen einer unterbrochenen menschlichen Beziehung. Sie schlagen die Brücke zwischen Hoffnung und Mutlosigkeit. Objektkunst: sie zeigt sich hier als eine Möglichkeit konstruktiven Welt- und Zeitverständnisses. Karl Schaper, der Künstler aus Wolfenbüttel, spiegelt die weite Welt in seinen Holzbriefen. Er schreibt unermüdlich, ein Besessener, der von der Kunst in den verfremdeten, grotesken Formen lebt.

Holzbriefe: man sollte diese ungewohnten Objekte häufig lesen.

Paul Raabe in "Brusberg Berichte 17“, Hannover 1973

 

Zweigeteilter Rübenhaufen

Ölfrabe auf Leinwand, 120 x 160 cm, 1992

Sammlung VGH Versicherung, Hildesheim

 

Karl Schaper is the poet of the sugar beet. His world, whether constructed from the patterns of Kleist or Ovid, whether mirrored in the ubquitous symbols relating to the geography of Lower Saxony, the field and the sugar beet, forces us to question the realities of our own world. The sugar beet, hidden within many of his work, serves as an iconographic marker for the viewer.

It may appear that Schaper’s world is

Aljochnowa, Objektkasten, Bleistiftzeichnungen, 90 x 65 x 9 cm, 1941–1977.

Sprengel Museum, Hannover

 

Die Werkgenese ist äußerst komplex. Ein Fundstück, eine Gestalt aus Mythos oder Geschichte werden, nachdem sie vor Jahren gesammelt und im Gedächtnis bewahrt wurden, wenn sie auf einen aktuellen Vorfall stoßen, plötzlich lebendig. Dann gären persönliche Erinnerungen, dann erlangt die historische Figur zeitgenössische Züge, dann braut sich aus Historie und Gegenwart eine plastische Form zusammen, dann wird Gedachtes leibhaftig.

Im Rußlandfeldzug 1941 porträtierte Schaper in einem Dorf die Bewohner seiner vorübergehenden Herberge, einen russischen Vater mit seinen beiden Söhnen. Der Frontsoldat Schaper trug diese drei Bleistiftzeichnungen bei sich, als er auf dem schicksalhaften Rückzug den niedergebrannten Ort erneut passierte. Jahrzehnte später, 1977, erinnerte er sich dieser kleinen Blätter, als er, in Arbeit vertieft, nebenbei im Radio den Namen des russischen Dorfes vernahm. Das war der Augenblick anzusetzen, nun sind die drei vergilbten, realistischen Porträts zusammen mit zwei geschnitzten großen Ohren als den Sensoren dieser Verknüpfung, zu einer Art Gedenkschrein verbunden.

Renate Puvogel, 1988

 

»realistic«, but it is not. It is off-center, forced, intensely unreal. Part of Karl Schaper’s unreality lies in his craftsmanship. A world recreated out of wood, oversized brooms, huge envelopes full of wooden messages, all stress the unreality of his world, a world of stage props, not of trompe l’oeil.

Schaper’s master is not Andy Warhol but rather John Heartfield, with a little bit of the three »m’s« thrown in: Maillol, for his precision of line; Masereel, for his satirical view of man; and Magritte, for his use of the closed system of reality. And yet Schaper remains his own master.

Sander L. Gilman, 1982

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