Fortsetzung1_Niedersachsenaltar

Der rechte Seitenflügel korrespondiert mit holzgeschnitzten Bäumen, mit Wald. Ein leerer Stuhl lädt zum Sitzen ein, holzgeschnitzte kleine Bücher machen die Vorstellung vom „deutschen Wald“, romantisierend und ironisierend, perfekt. Zwischen Rüben und Wald, zwischen dem niedrigen Gewächs mit der plastischen Substanz und dem bildungs- und sentimentbeladenen Baumbestand fühlt Schaper sich zwangsläufig angsiedelt.

Der Mittelteil: Eine Ansammlung unterschiedlicher Aspekte. Ganz oben das Bild einer Feldküche im Wald. 1939 steht auf der Autonummer des Militärfahrzeuges. Polenfeldzug. Die Soldaten stehen Schlange. Einzelne lesen die Feldpost. Ein Totengerippe und ein Nackter unter den Uniformierten. Links daneben rasiert sich einer (die späteste Beigabe, die Schaper für das nach und nach entstandene Triptychon gefunden hat). Spielfiguren eines Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels stehen da aufgereiht, die einen rot, die anderen schwarz. Der Würfel, der dabei liegt, wird ihr Schicksal entscheiden: tot oder lebendig.

Darunter der Rückgriff aufs Klassische ist gleichzeitig Erinnerung daran, dass die Kriegsspielerei und das Abgeschlachtetwerden fürs Vaterland auch schon klassisch sind: „Wanderer, kommst Du nach Sparta, erzähle dort, du habest uns hier liegen gesehen.“ Die Schlacht bei den Thermophylen, 480 vor Christus, es war schon immer so, auch in stilvoll griechischen Lettern. Zwei Adler über der Landschaft, „zwei Schreihälse“, wie Schaper sagt, die deutschen Pleitegeier, über dem Stadtplan von Paris. Die deutsche Invasion 1940, Schaper war dabei. Diese Adler, sagt er, habe er gewählt, als er auf der documenta 5 in Kassel das „Musee d'Art Moderne Departement des Aigles“, von Marcel Broodthaers besucht hatte. Kunstrezeption ist bei Schaper auch immer dabei. Auch das Stillleben mit Wasserglas und gehörntem Tierschädel ist eine Anspielung auf Kunst, auf die eigenen, damals noch nur ästhetischen frühen künstlerischen Versuche Schapers.

Gegenüber, auf dem kleinen Rübenfeld, beginnt bereits der Satiriker Schaper: Jede Rübe ist eine deutsche Rübe, das schwarz-rot-goldene Fähnchen weist's aus. Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch. „Das Land, aber auch eine politische Landschaft“, sagt Schaper.

Das braune Mittelstück des Hauptteils bezeichnet zwei Aspekte schmerzlicher Lebenserfahrung: Rechts die braune Uniformjacke mit der Hakenkreuzbinde, schon etwas eingemoost durch die zeitliche Entfernung, aber immer noch deutlich schwarz-weiß-rot das Nazi-Emblem. Da helfen auch die fleckigen Übermalungsversuche nicht. Links davon ein Schulranzen am Kleiderbügel. Karl Schaper war bis zur Pensionierung deutscher Beamter, Lehrer, Kunsterzieher. Auf den Brief unter dem Ranzen wird noch ausführlich einzugehen sein (...).

Der „Niedersachsen Altar“: Ein Selbstbildnis von Karl Schaper, das persönliche Schicksal verallgemeinernd. Das bitter-ironische Bildnis des Deutschen.

Ludwig Zerull, 1984

 

 

Mamuntisunio, el photonius - Jalium calaniluitus